Die Thronrückwand der Königin Elisabeth Christine mitten im neuen Humboldtforum? Was für Viola König für die konzeptionellen Widersprüche des Supermuseums steht, lässt den Förderverein aufhorchen:


BERLINER ZEITUNG, 03.12.2017

Viola König zum Humboldtforum. Die Museen sind heute nur noch Bittsteller


Seit 2001 ist Viola König Direktorin des Ethnologischen Museums in Dahlem gewesen, vergangenen Freitag wurde sie pensioniert. Wir treffen sie in der Altamerika-Halle. Gewaltige Steinplastiken stehen in Plastikhüllen, die Vitrinen sind ausgeräumt, es herrscht eine Mischung aus Aufbruch und Melancholie.


Sie sind 2001 berufen worden, um die Ausstellungen im Humboldt-Forum zu entwickeln. Dann kamen Moratorien, Kampf um Architektur und Gestaltung, sowie neuerdings der Einfluss der drei Gründungsdirektoren. Wie viele Konzepte haben sie seit 2001 entwickelt?


Für das Humboldt-Forum – die kann ich gar nicht zählen. 2015 jedenfalls waren wir so weit, dass ein vom Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, Generaldirektor Michael Eissenhauer, und dem damaligen Berater Martin Heller abgesegnetes Gesamtkonzept stand. Wir haben parallel aber auch Konzepte für eine neue Unterbringung der Sammlungen entwickelt, für die Depots und Werkstätten, die nun doch in Dahlem verbleiben könnten als Teil eines Forschungscampus’. Zeitweilig gab es den Traum, an die Stelle des alten Völkerkundemuseums zurückzukehren, auf den heutigen Parkplatz neben dem Martin-Gropius-Bau. Ein gläsernes Hochhaus für die Ethnologie und nahebei die Depots auf dem Flughafen Tempelhof. All das hat sich dann mit dem Baustart am Schlossplatz erledigt.


Und nie Planungsfrust?


Planen macht Spaß. Da muss immer neu gerungen werden um die beste Idee. Zu Beginn haben wir noch als Minigruppe gearbeitet, jeder war zuständig für das Gesamtprojekt. Das ist heute anders. Viel mehr Apparat, neue Zuständigkeiten und Interessen, bei denen die Museen allenfalls als Bittsteller antreten können. Darin sehe ich die eigentliche Tragödie.


Waren Sie eigentlich glücklich, ein modernes ethnologisches Museum hinter eine preußische Königsfassade zu bringen?


Als wir begonnen haben zu planen, da kannte man die Architektur ja noch nicht. Und die Beruhigungspille war immer: Es gibt zwar die barocke Fassade, doch dahinter können wir auf modernen Flächen ungehindert planen. Inzwischen breiten sich die Anhänger der Schlossidee auch im Inneren immer weiter aus. Jetzt sollen sogar Elemente des Schlosses in die Ausstellungen implementiert werden. Aber wenn ich das komplexe Weltbild der Bewohner des Amazonasgebietes zeigen will, und der Besucher begegnet dort der bestickten Rokoko-Thronrückwand der Königin Elisabeth Christine – wie soll man das vermitteln?


Jetzt soll ja auch die Naturkunde mit einbezogen werden. Müssen dafür geplante Ausstellungsteile entfallen?


Ja, und leider wichtige. Unsere Konzeption sollte Wiederholungen der Themen möglichst vermeiden, z. B. sollte anhand der Sammlung chinesischer Medizin das Verhältnis des Menschen zu seinem Körper, Krankheit, Behandlung, Therapien gezeigt werden, das ist ein einzigartiger Bestand, der neben anderen Themen gestrichen wurde. Aber dazu müssen Sie die Gründungsintendanten fragen.


Sie haben zuletzt gar nicht mehr an den Planungen mitgewirkt?


Natürlich entwickelt der Gründungsintendant Neil MacGregor eigene Vorstellungen. Manche Bereiche wurden gestrichen, andere stark überarbeitet, manche sind gar nicht betroffen. Das wird zwar einzeln mit den jeweiligen Kuratoren diskutiert, von den Direktoren ist aber seit 2016 schon nicht mehr die Rede.


Und Europa fehlt weiterhin …


Ich hätte das Museum Europäischer Kulturen integriert. Doch zu Beginn der Planungen sollte die außereuropäische Kunst im Humboldt-Forum im Vordergrund und mit den Kunstsammlungen der Museumsinsel ein Ganzes ergeben.


In dem Konzept spielt die Wanderung und Mischung von Kulturen eine eher kleine Rolle.


Man muss klar abgrenzen und fragen, was unsere Sammlungen leisten können. Bei unserer Sammlung aus dem alten Mexiko etwa konzentrieren wir uns auf vorspanische Handschriften und Keramiken, die glyphische Inschriften aufweisen. Das Thema sind grafische Zeichen- und Schriftsysteme. Sie sind komplex, doch ihr Informationsgehalt ist zum Beispiel mit den heutigen Apps unserer Smartphones vergleichbar. Dabei soll der Besucher an der aktuellen Forschung teilnehmen: Erst kürzlich entdeckte meine Kollegin die Noten von Kirchenmusik auf der Rückseite einer aztekischen Handschrift. Sie zeigen den Austausch zwischen den alten indianischen Eliten und den neuen spanischen Herrschern.


Und das heutige Mexiko-Stadt?


Das muss Sonderausstellungen überlassen bleiben. Heute ist es möglich, solche Ausstellungen aus den Ländern selbst zu bekommen. Dabei kommt es dann zu erstaunlichen Erlebnissen: Wir hatten hier einmal eine großartige Ausstellung zur mexikanischen Volkskunst, dabei eine kunstvolle Federarbeit einer Madonna aus Michoacan. Zufällig befand sich in der Etage darunter unsere Feder-Madonna, die Humboldt genau 200 Jahre vorher in Michoacan erworben hatte.


Hat denn das Ethnologische Museum seine Sammlungen in den vergangenen Jahrzehnten überhaupt noch aktualisiert?


Selbstverständlich. Nehmen Sie unsere Sammlungen zeitgenössischer Kunst aus Afrika, Asien, Indonesien oder die einmalige Sammlung der Indianischen Moderne aus Nordamerika. Lange Zeit als Ethnische Kunst degradiert, werden heute viele der Künstler hoch gehandelt. Bald zu sehen im Hamburger Bahnhof in „Hello World. Revision einer Sammlung“.


Dabei stellt sich die Herkunftsfrage ja kaum. Ganz anders bei ihren historischen Sammlungen.


Für uns Ethnologen spielt Provenienzforschung seit jeher eine zentrale Rolle. Aber die Herkunft und die Wanderungsgeschichte eines Objektes ist eben nur ein Thema. Nehmen wir die Federmadonna: Wir haben sie aus dem Nachlass Humboldts. Aber was bedeutete dies Objekt für Humboldt, ging es ihm um die Federn? Kannte er den Künstler? Welche Techniken wurden dafür verwendet? Handelt es sich um Traditionen aus vorspanischer Zeit und wie mischten sie sich hier mit christlichen Ideen – all das beantwortet die jüngere, vor allem aus der Aufklärung der Nazi-Raubkunst gewachsene Provenienzforschung nicht. Doch das sind genau die Fragen, die uns Ethnologen auch interessieren.


Kann man denn überhaupt noch alle Herkünfte klären?


Wir haben mehr als eine halbe Million Objekte aus den unterschiedlichsten Zeiten und Kulturen mit sehr unterschiedlicher Dokumentation. Gut ausgebildetes Personal, Digitalisierung, räumliche Unterbringungsmöglichkeiten und so weiter sind Voraussetzung. Und es geht um Politik: Eine Sammlung aus Amazonien ist für Politiker nicht unbedingt so wichtig wie Bestände aus den einstigen deutschen Kolonien in Afrika, im Pazifik und in Asien.


So viel Zeit wird ihnen für den Umgang mit „human remains“, mit Knochen, Schädeln, Haaren nicht gegeben werden.


Da haben wir in der Preußenstiftung eindeutige Regelungen: Was wir an „human remains“ eindeutig zuordnen können und was zurück gefordert wird, geht zurück. Als Ethnologen möchten wir nur das zeigen, was die Herkunftsgesellschaft auch gezeigt haben will. Ein Ritualgegenstand erfordert übrigens unter Umständen eine sensiblere Behandlung als menschliche Überreste – auf die sich unsere Debatten aber konzentrieren. Auch hier ist also Entkolonisierung des Denkens nötig.


Es war Tradition in den Berliner Museen, dass ihre Direktoren zum Abschied für ihre Sammlung noch eine Kostbarkeit erwerben können. Was hätten Sie sich gewünscht?


Ich wünsche mir immer noch, dass im Humboldt-Forum das Werk von Mariana Deball Castillo realisiert wird. Den Entwurf haben die Staatlichen Museen schon erworben. Die mexikanische Künstlerin hat die Idee, eine 52-seitige aztekische Tributliste, die Alexander von Humboldt aus dem mexikanischen Bundesstaat Guerrero mit nach Berlin gebracht hat und auf der vor allem Goldlieferungen verzeichnet sind, in Form großer Tontafeln zu reproduzieren. Eine tolle Arbeit. Dieses Werk würde die Namenspatrone, die alten Sammlungen, Kolonialgeschichte, neue Geschichte und zeitgenössische Kunst zusammen führen. Das wäre es.


Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/28992524 ©2017




RADIO BAYERN 2, Berlin-Magazin, Sendung vom 15.08.17:

Verborgen, vergessen und wiederentdeckt


Besuch im Schloss Schönhausen in Pankow (Wolfgang Kerler)
Streifzug über den Invalidenfriedhof (Tanja Oppelt)
In der ehemaligen Abhörstation auf dem Teufelsberg (Birgit Schmeitzner)
Die Beelitzer Heilstätten (Janina Lückoff)
Unterwelten: Der AEG-Versuchstunnel (A. Meyer-Fünffinger)
Moderation: Birgit Schmeitzner

Wiederholung um 17.05 Uhr
Als Podcast und in der Bayern 2 App verfügbar

Musik:
Sebastian Block featuring Fran: "Bist du die Antwort"
Jasmin Tabatabai: "Eine Frau"
Paradisia: "Dancing in the dark"
Robot: "Bones"
CaroleM: "Moulibie"
Dota: "Stille Wasser"
Luca Vasta: "Modica"

Korrespondenten und Reporterinnen des BR-Hauptstadtstudios zeigen uns akustisch ein Berlin abseits der Hochglanz-Attraktionen, geprägt von der Zeitgeschichte, die in der Hauptstadt vielerorts noch präsenter ist als anderswo. Unsere Moderatorin düst auf ihrer Schwalbe (Baujahr 1975) von Pankow nach Mitte, in den Grunewald und schaut draußen in Beelitz vorbei, wo schon Anfang des 20 Jahrhunderts hochmoderne Heilstätten entstanden sind. Schließlich tauchen wir ab in die an Überraschungen und Historie reiche Berliner Unterwelt in Deutschlands ersten U-Bahn-Tunnel.




Ein würdiger Rahmen:

Die STIFTUNG HUMBOLDTFORUM gibt in ihrem Newsletter 3/2017 bekannt:

Griechischer Marmor
Am letzten Wochenende erfuhren die beiden Persönlichkeiten, ohne die das neue alte Berliner Schloss nicht wäre, eine besondere Würdigung: Bei einer feierlichen Ehrung im Schloss Schönhausen wurden Marmorbüsten von Wilhelm von Boddien und von Professor Franco Stella enthüllt, die von einem Unterstützer des Projektes in Auftrag gegeben worden waren. Stiftungsratsvorsitzender PStS Florian Pronold würdigte das staatsbürgerliche Engagement und den hohen persönlichen Einsatz der beiden Geehrten.




TIP BERLIN schreibt in Heft 18/2016 unter dem Titel

Unsere Lieblingsschlösser - Wieso brauchen wir ein neues Schloss? Die alten sind doch noch gut!


DDR-Flair: Schloss Schönhausen
Prunk und Pomp im DDR-Sozialismus: Dass auch die Leitungskader des Arbeiter- und Bauernstaates wussten, wie man fürstlich haust, zeigt das Schloss Schönhausen in Pankow. Im Museum sind das Staatsgäste-Appartement der DDR-Regierung und das Mobiliar des Arbeitszimmers von Wilhelm Pieck, des ersten und einzigen DDR-Präsidenten, zu besichtigen. Pieck hatte dort von 1949 bis 1960 sein Arbeitszimmer; danach wurden hier bis zum Mauerfall Staatsgäste beherbert – unter anderem Leonid Breschnew, Fidel Castro und Michail Gorbatschow. Gräfin Sophie Theodore zu Dohna-Schlobitten, die das Schloss 1664 erbauen ließ, musste sich in dieser Zeit mehrfach im Grabe umgedreht haben. Nach dem Mauerfall tagte im Schloss übrigens auch der „Runde Tisch“ mit DDR-Staatsparteien und Oppositionsgruppen. Wer jedenfalls sehen will, welchen ersten Eindruck viele ausländische Staatsgäste von Ost-Berlin bekamen, der findet in Pankow den wahren Palast der Republik.


Anschauen, weil:
1. es den echten Palast der Republik bekanntlich nicht mehr gibt.
2. man im Orangerie-Park am Ufer der Panke wunderbar über Geschichte philosophieren kann.
3. Schüler dort im Rollenspiel einen ganzen Tag im Leben von Königin Elisabeth Christine inszenieren dürfen, deren Sommerresidenz das Schloss Schönhausen war (Angebot für Klassenausflug buchbar).




DER TAGESSPIEGEL, 08.11.2015

Preußen-Ehe ohne Heil

Im Schatten des Königs

 

Vor 300 Jahren wurde Elisabeth Christine, Ehefrau Friedrichs des Großen, geboren. Am Hof hatte sie keine Chance.

 

Sie spielte keine Rolle. Auf dem Festakt zum 300. Geburtstag von Friedrich II. im Berliner Schauspielhaus 2012 wurde die preußische Königin Elisabeth Christine, die Frau des Jubilars, mit keinem Wort erwähnt. Das wäre ganz in Friedrichs Sinne gewesen. Auch in seinem Leben spielte sie keine Rolle. Elisabeth Christine war zwar die erste Frau in seinem Staat, wurde jedoch gleich nach Friedrichs Thronbesteigung kaltgestellt. Am 8. November jährt sich nun ihr Geburtstag zum 300. Mal – ein kleiner Festakt des Fördervereins Schloss Schönhausen erinnert an die verkannte Königin.

Wer eine der skurrilsten Fürstenehen der preußisch-deutschen Geschichte verstehen will, findet den Schlüssel in der tragischen Auseinandersetzung zwischen Friedrich und seinem Vater, dem preußischen König Friedrich Wilhelm I. Nach dem gescheiterten Fluchtversuch des Kronprinzen 1730 verlangte der tyrannische Vater von seinem inhaftierten Sohn die totale Unterwerfung. Dazu gehörte auch die Eheschließung mit Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern (1715–1797). Friedrich, dem der Vater zugesichert hatte, er dürfe zwischen mehreren Prinzessinnen wählen, fühlte sich durch die fehlende Mitsprache, die provinzielle Herkunft sowie die angebliche intellektuelle Beschränktheit seiner künftigen Gemahlin gedemütigt. Ihm war außerdem zugetragen worden, die junge Welfen-Prinzessin sei hässlich und dumm.

 

Es verwundert daher nicht, wenn Friedrich bereits 1732 prognostizierte, er werde die Prinzessin nach seinem Herrschaftsantritt verstoßen, wenn man ihn zur Ehe mit ihr zwingen wolle. Und wörtlich: „Ich will keine dumme Gans zur Frau haben. Ich müsste mit ihr vernünftig reden können oder ich mache nicht mit.“ Er versuchte es mit einer Doppelstrategie: Dem Vater versprach er „untertänigen Gehorsam“, den königlichen Vertrauten Grumbkow beschwor er, seinem Vater das Eheprojekt auszureden. Er drohte sogar mit Selbstmord. Grumbkow weigerte sich jedoch, sodass dem Kronprinzen nur noch blieb, seine Opferbereitschaft zu betonen. Schließlich fügte er sich, denn diese Ehe war der Preis für die lang ersehnte Freiheit und seine vollständige Rehabilitation am preußischen Hof. Und er ließ sich eine Hintertür offen: Bereits vor der Hochzeit sprach er wahlweise von Scheidung und Verstoßung.

Elisabeth Christine hatte also von Anfang an keine Chance in Berlin. Bis auf den König, der von seiner Schwiegertochter „entzückt“ war, begegnete ihr der Hohenzollern-Clan mit Ablehnung und Verachtung. Friedrich räumte zwar ein, die Prinzessin sei hübsch, ihm aber zu still und unselbstständig. Die 16-Jährige war einen Kopf größer als der selbstbewusste Kronprinz, konnte ihm, dem talentierten Fürsten-Musiker und brillanten Rhetoriker kaum das Wasser reichen – auch war er der bessere Tänzer. Die Hochzeit 1733 sollte auf Friedrichs Wunsch ein glänzender Staatsakt werden, in dem er selber die Rolle des ersten Staatsschauspielers übernahm. Die Ehe blieb kinderlos – wobei beide unabhängig voneinander betonten, sie hätten alles versucht.

 

Die Kronprinzenzeit in Rheinsberg (1736–40) charakterisieren sie als ihre glücklichste, wobei nur Elisabeth Christine dies auch mit einer ehrlichen, bedingungslosen Liebe zum Gatten verbindet. Friedrich dagegen betont, er sei niemals verliebt gewesen. Allerdings beginnt er seine Frau zu schätzen – und zu instrumentalisieren: Sie wird seine wichtigste Marketingwaffe im Kampf um die Gunst des unberechenbaren, misstrauischen Vaters. Zudem beschafft die Kronprinzessin ihrem stets klammen Gatten nicht nur Geld (was sie zeitlebens in Schulden stürzt), sondern fungiert auch als Vermittlerin, um Friedrichs Forderungen bei ihrem Bruder, dem Herzog von Braunschweig, durchzusetzen. Dabei setzt er das „sanfte Gemüt“ auch emotional unter Druck.

Nach der Thronbesteigung tritt nicht ein, was viele vermuteten und Elisabeth Christine befürchtet: Friedrich lässt sich nicht scheiden. Er achtet sogar darauf, dass die neue preußische Königin gebührend behandelt wird. Im Berliner Stadtschloss erhält sie einen eigenen Wohnbereich, doppelt so groß wie der des Königs. Aber in Sanssouci ist sie nicht erwünscht, auch besucht er sie nie in Schloss Schönhausen, ihrer Sommerresidenz. Ihre Begegnungen finden nur noch im Rahmen des höfischen Zeremoniells statt. Auch die Thronfolge regelt er ohne sie: Bereits 1741 erklärt er seinen Bruder August Wilhelm zum Nachfolger. Seine Briefe während der Kriegsjahre sind kurz, kühl, im Stil nüchterner Kriegsberichterstattung.

Noch verletzender für Elisabeth Christine ist der konsequente Ausschluss von Hof- und Familienfesten: „Ich bleibe ganz allein (...) zurück wie eine Gefangene, während sich die anderen amüsieren.“ Über seinen Tod hinaus will sie sich nicht eingestehen, dass weniger die „lügenhaften Zungen“ in der Hohenzollern-Familie und die „falschen Freunde“ ihres Mannes, sondern Friedrich persönlich für ihr Schattendasein verantwortlich war. „Wenn mein zimperlicher Griesgram“, schrieb er 1746 an seinen Bruder, „an dem Ausflug nach Charlottenburg teilnimmt, so wird sie, fürchte ich, das ganze Fest stören.“

Wie ertrug sie diese Demütigungen? Sie klagte kaum, spann keine Intrigen, nahm sich keine Liebhaber – ihre tiefe Frömmigkeit hätte das auch gar nicht zugelassen. Stattdessen erduldete sie die Missachtungen, freute sich über die noch so geringe Zuwendung und erwies Friedrich alle geforderten Repräsentationsdienste mit geradezu preußischem Pflichtbewusstsein. Nach außen wahrte sie den Schein; ihre unmittelbare Umgebung klagte dagegen über Wutausbrüche und Übellaunigkeit.

 

Elisabeth Christine lenkte sich ab: Sie malte, beschäftigte sich mit Musik und Literatur, übersetzte Schriften ins Französische, die auch veröffentlicht wurden. Und „sie tröstet sich in ihrem Schönhausen“, wie ihr Kammerherr schreibt, wenn sie mal wieder nicht zum Hoffest durfte. Das Schloss war nicht Verbannungs-, sondern eher Zufluchtsort.

Dennoch blieb Friedrich für sie ein großer Fürst – bis zu ihrem Tod 1797. Es hat sie offenbar getröstet, den König aufgrund seiner Macht- und Ruhmsucht und nicht an eine Mätresse oder einen Liebhaber verloren zu haben. Er dagegen blieb zeitlebens gleichgültig ihr gegenüber. Er brauchte sie nicht: nicht als Ehefrau, nicht als Familienmitglied, nicht für seine Tafelrunden, nicht für die Regierungsgeschäfte. Elisabeth Christine war Friedrichs Schattenfrau. Mit Blick auf seine Ehegeschichte kann nur konstatiert werden: Friedrich – kein Großer!

 

Der Autor ist Historiker und Schulbuchautor und moderiert Gespräche zur „Frauensache“-Ausstellung im Schloss Charlottenburg. Am 19. November hält er im Potsdam Museum einen Vortrag über Elisabeth Christine und Friedrich II. (Beginn: 18 Uhr, Am Alten Markt 9).

 

 

 

PANKOWER ALLGEMEINE ZEITUNG, 08.11.2015 

300. Geburtstag: Königin Elisabeth Christine

Anläßlich den heutigen 300. Geburtstages von Elisabeth Christine hat Anne Schäfer-Junker, Ortschronistin in Berlin-Französisch Buchholz, eine Würdigung der preußischen Königin verfasst. Als Autorin eines Buches über Elisabeth Christine hat Schäfer-Junker auch bisher wenig bekannte Tatsachen aus Archiven und Staatsarchiven emporgefördert. Der heutige Beitrag nimmt Bezug zu der aktuellen Ausstellung FRAUENSACHE, im Schloß Charlottenburg und im Schloß Schönhausen.

 

Nicht nur FRAUENSACHE! Zum 300. Geburtstag der preußischen Königin Elisabeth Christine (1715-1797)

 

E. C. – goldene Initialen der preußischen Königin prangen am Ziergiebel des Schloss Schönhausen, das Elisabeth Christine zwischen 1740 und 1797 beinahe jedes Jahr als Sommerresidenz nutzte. Friedrichs II. hatte nach seiner Thronbesteigung im Jahr 1740 Schloss Schönhausen seiner Gemahlin geschenkt; verbrieft in einer Schenkungsurkunde vom 3.8.1740.
Nach den vier glücklichen Jahren als Kronzprinzessin auf Schloß Rheinsberg, hatte sich Friedrich II. mit Regierungsantritt im Jahr 1740 von seiner Gemahlin distanziert. Sie akzeptierte diese Trennung nie, und übernahm dennoch die Rolle der Königin in Berlin und repräsentierte den preußischen Hof.

Elisabeth Christine hatte anfangs nur einen bescheidenen Haushalt, ihre finanziellen Mittel erlaubten vorläufig nur wenige Veränderungen am Schloss und im Schlosspark. Dieser wurde unter ihrer Ägide nach und nach in einen modernen Rokoko-Lustgarten umgestaltet.
Ab 1766 widmete sie sich der Aufklärungsphilosophie und wurde mit Übersetzungen und eigenen Texten Schriftstellerin.

Am Sonntag dem 8.11.2015 wird der Grande Dame, Humanistin und Schriftstellerin und Gemahlin des preußischen Königs Friedrich II. im Schloss Schönhausen festlich gedacht

 

Ausstellung FRAUENSACHE würdigt die Rolle der preußischen Königinnen

In der Ausstellung FRAUENSACHE im Theaterbau von Schloss Charlottenburg wird erstmals Elisabeth Christine ausführlich gewürdigt. Schloss Schönhausen wird so neu in den Blickpunkt gerückt, auch hier wird die Person Elisabeth Christine im neuen Blick auf die Geschichte gewürdigt.

Es ist eine seit langem erwünschte Würdigung. Bisher war Elisabeth Christine nach der Wiedervereinigung Deutschlands erst 1997 in der Pankower Kirche „Zu den Vier Evangelisten“ in Alt-Pankow wieder in den Blick genommen worden. Zugleich fand die bisher einzige Ausstellung des Panke Museums zu Elisabeth Christine statt

Festredner waren übrigens damals: Hanna-Renate Laurien, Parlamentspräsidentin a. D., Superintendent Pfarrer Werner Krätschell und Alex Lubawinski als Bezirksstadtrat.

 

Zeitschichten und Wirken von Elisabeth Christine in Schönhausen

Schloss Schönhausen hat der Schönhauser Allee den Namen gegeben, die bereits im 18. Jahrhundert wichtige Verbindungsachse in nord-südlicher Richtung zum Berliner Schloss war. Hier hatte Elisabeth Christine eine große, komfortable Wohnung, und ging den royalen Repräsentationspflichten nach.
Rund 50 Jahre lang waren Schönhausen und die umliegenden Dörfer ihr bevorzugter Sommer-Aufenthaltsort. Die verdienstvolle Sanierung von Schloss und Garten Schönhausen und die nachfolgende Eröffnung im Jahre 2009 öffneten endlich auch die Perspektive, um historische Forschung und Neubetrachtung der Lebensgeschichte von Elisabeth Christine und ihrer Rolle als preußische Königin (1740-1786) zu intensivieren.

Die Lebenszeit von Elisabeth Christine fällt in tief greifende Prozesse des Wandels von Wissenschaft und Politik. Die mit großen Opfern und Intrigen verbundene Entstehung von d’ Alemberts und Diderots Enzyklopädie in Frankreich sind dafür ein bedeutendes Beispiel. Befreiungsversuche aus feudalem Denken auf vielen gesellschaftlichen Ebenen in den europäischen Ländern kennzeichneten das 18. Jahrhundert, in dem Elisabeth Christine lebte – auch das Jahrhundert Voltaires genannt.

Elisabeth Christine war sich der Aufmerksamkeit der Geistesgrößen ihrer Zeit sicher. So besuchte etwa D’Alembert sie persönlich in Schönhausen an einem Sonntag, dem 17. Juli 1763, nachmittags, von Charlottenburg kommend. Vor seiner Abreise nach Paris, als bevollmächtigter Minister des Königs am Französischen Hofe, wurde er von ihr mit einer kostbaren goldenen Tabatiere beschenkt.

 

Korrigierter Blick auf die Königin von Preußen

Erstmals im Friedrich-300-Jahr 2012 analysierte Dr. Alfred Hagemann das gesamte Wirken der Königin von Preußen – die aus dem Welfenhaus Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern stammte – und kam zu einem erstaunlichen Ergebnis.

Durch eine Auswertung der Hofberichterstattung in 26 Jahrgängen der Berlinischen Privilegierten Zeitung zwischen 1740 und 1786 konnte er neue Einblicke in den Hofalltag unter Friedrich II. gewinnen. Dabei wurde deutlich, wie stark die Struktur des friderizianischen Hofes durch die Aufteilung zwischen Berlin und Potsdam geprägt war. Während die Königin in Berlin den öffentlich-zeremoniellen Teil des Hoflebens aufrechterhielt, war Potsdam der Ort des „persönlichen Regiments“ Friedrichs II.

Der von der Zeitung veröffentlichte Ausschnitt des Hoflebens in der offiziellem Hofberichtersttattung hatte dabei die Funktion, diese Trennung auch öffentlich zu betonen und so zu einem wichtigen politischen Instrument Friedrichs II. zu machen.

Elisabeth Christine, Königin von Preußen und Gemahlin Friedrichs II., führte bis dahin laut gängiger Forschungsmeinung nur ein Schattendasein in der höfischen Welt des 18. Jahrhunderts. Weit verbreitet war die Vorstellung von einer durch Friedrich II. nach Schloss Schönhausen „verbannten“ Königin.
Doch dem „Alltag“ des preußischen Hofes wurde eín Stück weit über die Analyse Hofberichterstattung in der Berliner Presse auf die Spur gekommen. Bisher bekannte Aufzeichnungen des Grafen Lehndorff und der Gräfin Voß sowie über den „Geschichtskalender“ von Karl Heinrich Siegfried Rödenbeck gaben noch nicht den richtigen Blick frei.

Hagemanns Analysen legten offen, dass Elisabeth Christine wesentlich die Repräsentation des preußischen Hofes bestimmte.

„Die regierende Königin Elisabeth Christine spielte bis 1757 gegenüber ihrer Schwiegermutter eher eine Nebenrolle, gab aber für die Hoföffentlichkeit dennoch wesentlich häufiger Empfänge als der König. Seit Ende des Siebenjährigen Krieges klaffte die Zahl ihrer offiziellen Auftritte verglichen mit denen des Königs immer weiter auseinander. Seit den 1770er Jahren scharte sie den Hof mit im Durchschnitt 70 Hofveranstaltungen (Couren, Festins, Diners, Soupers, Bälle et cetera) im Jahr etwa vier Mal häufiger um sich als ihr Gatte.“ (Mehr Details dazu finden sich bei Hagemann).

 

Spuren und Spolien im Garten und Park von Schloss Schönhausen

Elisabeth Christine hatte ein immerwährendes Interesse am Garten und Park von Schloss Schönhausen, mit neuer Gartengestaltung in barocker Manier und großen Garten- und Lichterfesten, der früher etwa fünfmal größere Ausmaße hatte, als heute.

Matthias Gebauer, Gartenbereichsleiter von Schloß Rheinsberg (SPSG), und Gartendenkmalpflegerin Monika Deißler (SPSG), kennen Elisabeth Christines Garten gut und führten durch dieses gartendenkmalpflegerisch bestens betreute Refugium an der Panke in Niederschönhausen.

200 Jahre alte Linden aus der Zeit von Elisabeth Christine sind in der Linden-Alleen im Garten erhalten – sie geben den vorhandenen Fledermäusen als lineare Elemente Halt. Die Bäume der Alleen im Schlossgarten zeichneten sich durch schnelles Wachstum aus und  aufrechten Wuchs aus. Fledermäuse lieben diese Alleen.

 

Ein zur Unterhaltung gepflegtes Labyrinth aus Hecken oder Bäumen war auch im Park von E. C. vorhanden. Dort stand im Mittelpunkt eine eingerüste Eiche – die sog. Königseiche – um von oben in das Labyrinth schauen zu können. Diese Eiche ist heute mit verschiedenen Totholzstrukturen noch erhalten. Alte Eichen sind das wichtigste Areal für holzbewohnende Käferarten und haben daher eine besondere Bedeutung für den Käferschutz.

 

Die Eichen im Park von Schloss Schönhausen sind auch heute noch der Lebensraum des Heldbockes, ein im Verborgenen lebender holzbewohnender Großkäfer, der schon 1787 hier vorhanden war. Heute sind noch 6 – 7 Eichen vom Heldbockkäfer bewohnt. Für den heutigen inneren Bereich des vom großen Schlosspark an der Panke abgetrennten Park- und Gartenteiles gibt es nunmehr ein Gehölzekonzept, das den Bestand schützt. Das ehemalige Labyrinth und die Eichen werden in den nächsten Jahren wieder aufgewertet.

 

Gartendenkmalpflegerin Monika Deissler zeigte auch die Gartenskizze von Christoph Pitzler von 1695, und erklärt die halbrunden Mauerreste der Orangerie, die 1816 abgebrochen wurde. Diese stammen noch aus der Zeit Ernst von Grumbkow’s Schloss-Erbauung. Hier lies E. C. das alte Orangeriehaus in ein Hofdamenhaus umbauen.

An Ihre „schnatternden Hofdamen und Nichten“ erinnerte während der Gartenbegehung die charmante Hofdame Sophie von Brand, alias Nicola A. Spehar. Zu Zeiten E. C. wurden Myrthen, Zypressen, Oleander, Feigen, Granatapfel, Pomeranzen gezogen. Hinter der Orangerie befand sich ein Fasanengarten, der im Siebenjährigen Krieg zerstört wurde

 

Nach ihrer Rückkehr aus der Festung Magdeburg ließ E. C. einen Kräutergarten anlegen. Treibhäuser, eine Meierei für Milchwirtschaft kamen ebenfalls dazu. 1770 bemerkt sie: „Spaziergang zum Küchengarten und auf dem Rückweg gespeist.“ Man zelebrierte hier das ländliche Leben.

Der Schlossgarten Schönhausen präsentiert in seiner exquisiten Gestaltung und Ausstattung die wechselvolle Geschichte der Anlage vom Barock- und Landschaftsgarten bis späteren Präsidentengarten Wilhelm Piecks. Heute trägt er das Erscheinungsbild eines Gartens der Moderne, und die Gartendenkmalpflege arbeitet an Spuren und Erhaltung der historischen Zeugnisse.

 

Über die Autorin:
Anne-Schäfer Junker widmet sich als ehrenamtliche Ortschronistin von Französisch Buchholz der historischen Spurensuche und durchforscht Archive nach nach Fakten aus dem Leben von  Königin Elisabeth Christine in Schönhausen, Rosenthal, Französisch Buchholz, Karow und Buch.
2013 veröffentlichte sie das Buch „SINNESFREUNDE im Leben von Elisabeth Christine. Herzogin zu Braunschweig und Lüneburg, Preußische Königin 1740-1786“ in der Edition Aujourd’hui.

 

 

 

BERLINER WOCHE, 31.08.2015 

Frauen an der Macht: Ausstellung im Schloss würdigt ein starkes Geschlecht 

       

Charlottenburg. Kurfürstinnen, Königinnen und Kaiserinnen – Herrschaft war ab der Machtübernahme der Hohenzollern vor 600 Jahren Frauensache. Und so heißt auch eine neue Ausstellung, die im Theaterbau des Schlosses Charlottenburg auf Besucher wartet.

Dort präsentiert die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) Geschichtsinteressierten dazu 300 Exponate, beschafft mit Hilfe von 60 Leihgebern aus ganz Europa. Dabei reicht die Spanne vom ältesten nachweisbaren Frauenkleid Brandenburgs (um 1460) bis zum Krönungsmantel der Königin Augusta. Als besonderes Prunkstück der Schau gilt eine Sänfte, die anlässlich der Hochzeit Friedrich Wilhelms (II.) mit Elisabeth Christine Ulrike von Braunschweig-Wolfenbüttel im Jahr 1765 Verwendung fand. Hinzu kommt eine Auswahl an Gemälden mit Abbildungen der herrischen Damen.

"Frauensache - Wie Brandenburg Preußen wurde" läuft bis 22. November im Theaterbau des Schlosses Charlottenburg, Spandauer Damm 10. Di-So 10-18 Uhr. Eintritt kostet 14, ermäßigt 10 Euro. Infos auf www.frauensache-preussen.de. Auch Tickets lassen sich dort reservieren.

tsc

 

 

 

GENERALANZEIGER BONN, 29.08.2015

Ausstellung im Brühler Schloss Augustusburg
Der Schah und Queen Elizabeth II.

BRÜHL.  "Das Bemerkenswerteste für mich ist, dass sich die beiden deutschen Staaten nach der Zeit des Nationalsozialismus für ihre Staatsempfänge nicht etwa demokratische Symbole, sondern Schlösser gewählt haben", sagte NRW-Bauminister Michael Groschek bei der Vorstellung der Ausstellung "Schlösser für den Staatsgast - Schönhausen und Augustusburg, Staatsbesuche im geteilten Deutschland" im Brühler Schloss Augustusburg.
Zu sehen ist die Schau im kommenden Frühjahr und Sommer zeitversetzt sowohl im Rheinland als auch im Schloss Schönhausen in Berlin-Pankow, das ab 1965 das offizielle Gästehaus des Ministerrates der DDR war.
Die Idee zu der Ausstellung unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Joachim Gauck hatten der Brühler Schlossverwalter Heinz R. Kracht und der Kastellan von Schloss Schönhausen, Jörg Kirschstein. "Wir wollen mit dieser Ausstellung in beiden Schlössern Zeitgeschichte erzählen, bevor sie zu Geschichte wird - bevor die letzten Zeitzeugen nicht mehr zu befragen sind", so Kirschstein.
Im Beisein von Minister Michael Groschek und der SPD-Landtagsabgeordneten Dagmar Andres stellte die Ausstellungskuratorin von Schloss Augustusburg, Christiane Winkler, das Konzept der Schau vor. Mit zahlreichen Zeitzeugenberichten, Film- und Tonausschnitten, Fotografien und Objekten wird man Gemeinsamkeiten und Unterschiede erkennen können, die den beiden deutschen Staaten bei ihren offiziellen Staatsempfängen als Mittel ihrer außenpolitischen Etablierung und Darstellung des jeweiligen staatlichen Selbstverständnisses dienten.
Staatsempfang im Schloss
Während im Mai 1965 der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke Queen Elizabeth II. zum bis dahin prächtigsten Staatsempfang der noch jungen Bundesrepublik in das Brühler Schloss einlud und Tausende Schaulustige mit bunten Union Jacks und Deutschland-Fähnchen winkten, wurden einen Monat später zum Staatsempfang auf Schloss Schönhausen in Ost-Berlin "Wink-Elemente" genannte Fähnchen verteilt, mit denen dem jugoslawischen Diktator Tito zugejubelt werden sollte.
Auch das Schlosspersonal in Schönhausen musste kurz vor dem Eintreffen der Staatsgäste den Mitarbeitern der Staatssicherheit weichen, die dann die offiziell verschmähten West-Produkte von "Nivea" oder "Creme 21" auf den Gästezimmern verteilten. So wird sich die Ausstellung nicht nur den offiziellen Darstellungen, sondern auch den vielen kleinen Anekdoten aus dem Wissen der damals Beteiligten widmen.
Ein Glücksfall für die Ausstellungsmacher im Schloss Augustusburg ist die heute 61-jährige Kastellanin Brigitte Meiser, die während ihrer mehr als 40-jährigen Tätigkeit in Brühl viele Anekdoten selbst miterlebt hat. Als 1972 der Grundlagenvertrag zwischen den beiden deutschen Staaten von dem kürzlich verstorbenen Egon Bahr und dem DDR-Staatssekretär Michael Kohl unterzeichnet wurde, führte Brigitte Meiser bereits als junge Geschichts-Studentin ihre ersten Besuchergruppen durch die Lieblingsresidenz des Kurfürsten Clemens August.
Für die DDR bedeutete dieses Jahr die außenpolitische Anerkennung als souveräner Staat, und das Berliner Schloss Schönhausen wurde durch Erich Honecker zum wichtigsten Gästehaus der Republik. Zwischen 1965 und 1972 nächtigten lediglich sechs Staatsgäste - darunter Josip Broz Tito und zwei Mal Leonid Breschnew - im ehemaligen Sommersitz der preußischen Königin Elisabeth Christine (1715-1797), der Frau von Friedrich dem Großen.
Mit der Aufnahme beider deutscher Staaten in die Uno konnte auch die DDR zu den meisten Ländern diplomatische Beziehungen aufnehmen, so dass bis zum Ende der DDR etwa 120 Staatsgäste in Schloss Schönhausen prunkvoll residierten.
Eine nahezu gleich große Zahl von Staatsempfängen und Banketten fand in Zeiten der Bonner Republik auch in Schloss Augustusburg statt. 1967 wurden dort beispielsweise der Schah von Persien mit Kaiserin Farah Diba empfangen, 1971 König Baudouin und Königin Fabiola von Belgien.
Staatsgeschenke als Ausstellungsstücke
Die beiden Schlösser werden in der Ausstellung als die Repräsentationsorte zweier gegensätzlicher politischer Systeme gegenübergestellt und vergleichbar gemacht. Mit authentischen Objekten - darunter eine Auswahl von Staatsgeschenken sowie eine fürstlich gedeckte Tafel - wird eine Zeit lebendig, von der sich Schlossverwalter Heinz R. Kracht nicht nur den Besuch der historisch Interessierten, sondern auch von vielen Schulklassen erhofft, die damit einen lebhaften Blick auf die Geschichte gewordene Existenz zweier deutscher Staaten bekommt.
"Ich würde mich freuen, wenn Bundespräsident Joachim Gauck nicht nur den Schirm über die Ausstellung hält, sondern auch persönlich Einblick in die 'Schlösser für den Staatsgast' nimmt." Mit diesem Wunsch verabschiedete sich Minister Groschek und machte damit Hoffnung auf einen weiteren glanzvollen Empfang in Schloss Augustusburg.
Die Ausstellung "Schlösser für den Staatsgast - Schönhausen und Augustusburg, Staatsbesuche im geteilten Deutschland" wird vom 1. April bis 3. Juli 2016 in dem Berliner Schloss Schönhausen und vom 30. Juli bis 1. November 2016 in Schloss Augustusburg in Brühl zu sehen sein. Dazu wird ein rund 120 Seiten umfassender Katalog zum Preis von 19 Euro erscheinen.

Stefan Hermes 

 

 

 

Architectural Digest, März 2010